Dienstag, 3. Januar 2012

Border-Lifestyle

Zum Jahresausklang nahm die Dynamik neue Fahrt auf. Zum einen blickte ich wieder klarer und zuversichtlicher auf die bevorstehende Zukunft, zum anderen beteiligte ich mich auch wieder aktiver am so genannten sozialen Leben und letztlich ist es mir gelungen etwas versöhnlich zu mir zu sein. Zunächst werfe ich am vorletzten Jahrestag einen Blick in meine Geldbörse und sehe, dass diese die nächsten zwei Wochen nicht ausreichen wird. Prompt beschließe ich mal wieder ins Casino zu gehen: zum einen um etwas (brauchbares) zu Essen, zum anderen um mein derzeitiges Budget zu verdoppeln. Nach gelungenem Mahl und einem starken Cocktail bin ich in the zone, setze mich mit meiner letzten Million an den Tisch und stehe knapp eine Stunde später wieder auf: mit dem Ergebnis jetzt fast eine weitere Million zu besitzen und das (Live)-Spiel (mal wieder) "zerstört" zu haben. Da der Abend noch relativ jung ist, entscheide ich mich für Kultur und werde im Theatercafé fündig, wo eine lokale (Folk)-Band spielt und das Publikum eher meinem Alter entspricht, sodass ich auch rasch mit einigen ins Gespräch komme. Ich stelle mich ab und an auf die Straße und rauche, weil die Luft in dem Raum unglaubig stickig war. Den immer wieder vorbeistreunenden Kindern (gegen Zwei in der Nacht) stecke ich dann Kleingeld zu, woraufhin die meisten irriert sind. In meiner Schlafnische im Hostel angekommen daddele ich noch ein bissl und schlafe irgendwann ein. Sylvester startet als sehr schwüler Tag und vor sechs Abends verlasse ich das Haus nicht. Zuerst habe ich noch Artikel geschrieben und an die Redaktion geschickt, später Schach gegen Chilenen und Asiaten gespielt und meine weiße Weste bewahrt, wobei ich mich gegen den Chilenen, der sich auch in der Schachgeschichte gut auskannte, strecken mußte. Ich hole mir eine Kleinigkeit zu Essen und ich sehe, wie die Stadt regelrecht abgeschlossen wird. Das Hostel ist gut gefüllt und hat für den Abend ein (sehr leckeres) Dinner vorbereitet. Da ich in der Vergangenheit Sylvester kaum noch zelebriert und zumeist eher verschlafen habe, halte ich mich weitestgehend im Hintergrund und rauche. Der Jahreswechsel verläuft unspektakulär und das Feuerwerk kann man zwei Händen abzählen. Gegen Eins will der Großteil der Meute noch etwas Ausgelassenheit zelebrieren. Ich lasse mich von einem brasilianischen Lesben- und Schwulen-Pärchen "mitreißen", da die Vier entspannt und sympathisch sind (Der weibliche Part beim Lesbenpärchen hatte in seinem Ausweis "Schwanz" als Nachnamen stehen, was nachdem ich die Bedeutung aufgeklärt habe, bei der Truppe für einen running gag sorgte.). Wir landen im Britannia, dass sich zusehends und rasch füllte und alsbald auch mit ganz passabler Musik präsentierte. So verbringe ich den Großteil der Nacht mit ein paar Drinks im Rau(s)ch der Tanzfläche unterm Himmel, während die meisten männlichen Wesen versuchen die anwesenden chicas, die scheinbar unzertrennlich in Dreier-Gruppen auftauchen, anzubaggern. Ich habe zeige daran wenig Interesse und verlasse gegen Sechs und bei aufkommender Helligkeit das Dach. Am Plaza Uruguya vorbeigekommen kann ich den Pistolenrauch förmlich noch sehen, obwohl ich nur größere Gruppen von Militär erblicke. Der Platz war wenige Tage vorher - zu meiner Überraschung - geräumt wurden: das erste Mal seit ich hier bin. Eine Gruppe, die etwas eher ins Hostel gegangen ist und den Platz ebenfalls kreuzen wollte, wurde wohl Zeuge einer mehr oder weniger heftigen Auseinandersetzung, wo wohl auch von Schusswaffen Gebrauch gemacht wurden sein soll. Ich zucke gleichgültig mit den Schultern und sehe mich in solchen Situationen out of the range. Ich verbringe fast den ganzen Tag dösend und schlafend, bevor ich am Abend einen Blick auf das nationale Fest (ein Freiluft-Live-Konzert) werfe, was mich aber nicht bewegt. Also zurück an den Rechner, an einem weiteren Artikel gearbeitet und ein paar Turniere gespielt. Mit Schreiben und Gambling soll die Zukunft also bestritten werden, für worst-case-Szenarien, habe ich bereits einen brauchbaren Schlafsack+Isomatte für kurzfristige Phasen von Obdachlosigkeit erwirkt. Auf meinem Kopf wachsen (zur eigenen Überraschung) jetzt seit über einem Monat Haare - mal schauen wie lange noch ...