![]() |
| Das gepflegte Anwesen in S.B. |
Ich sehe das verunsicherte Lächeln von Herbert, einem gestrandetem Mitt-
Vierziger aus der Nähe von Freiburg im Breisgau, der vor anderthalb Jahren Druck, Mobbing und wohl noch einigen weiteren Faktoren nachgegeben hat und seinem Baum im Schwarzwald den Rücken kehrte. Er lud mich über die Feiertage in seine Villa in San Bernadino ein, die er aber (nur) zwischenzeitlich als isolierter Mieter bewohnt. Ich traf dort vor anderthalb Wochen nach fast eintägiger Busfahrt und einer Massenkarambolage in selbigem Gefährt ein. Da ich seine Beschreibung nur anhand von Wegpunkten auf einem Zettel vorrätig hatte und ich in dem völlig überfüllten Gefährt an einem dieser vorbeirauschte, schnellte meine Hand nach oben zur Leine, die dem Busfahrer meinen Haltewunsch signalisieren sollte. Dafür gab ich aber meinen Halt auf und die knapp fünfundzwanzig Kilo auf meinem Rücken ließen mich entgegengesetzt der Fahrtrichtung sausen und wie eine Kugel in den (Menschen)Kegel plauzen. Nachdem jeder seine Sachen und Körperteile wieder einsortiert hat, verlasse ich entschuldigend das Gefährt. Ich verbringe die Tage bis zum 26. bei ihm. Die meiste Zeit verschwenden wir mit der Apathie der Hitze, dem Abtauchen im kühlen Pool und zum Teil emotionalen Gesprächen über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Die Hausherren-Familie wollte an Heiligabend eine kleine familiäre fiesta durchführen, aber als es Mittags aus - und in dem Falle verbal vollkommen zutreffend - heiterem Himmel anfing zu regnen, beschloss diese auf ihrem Grundstück in der Hauptstadt zu bleiben, was uns aber nicht weiter störte. Im Land selbst wird das Fest mit einem Feuerwerk zu Mitternacht zelebriert. Unsere Abende verbrachten wir mit Spaziergängen, die Nächte mit Stickigkeit und Mücken. Mein persönlicher Highlight: frische Mangos, die vom Baum fallen und deren süsser Saft mich nährt.
![]() | |
| Die Mangos in Py sind kleiner und das Fruchtfleisch ist zäher, aber auch süsser. |
Am Nachmittag des 26. fahre ich mit einigem an Büchern und auch ein paar Ideen für die Zukunft wieder nach Asu. Als ich das Hostel betrete werde ich freudig begrüsst und auch bei mir machen sich - als Heimscheisser ;) - heimische Gefühle breit. Da die wenigen Europäer die länger durch das dieses Land "springen", sich immer wieder begegnen, gab es ein unerwartetes Wiedersehen mit Marco - einem Schweizer, der am Tag darauf nach Zürich zurück fliegen sollte (auch ein Leipziger war in jener Nacht Gast in dieser Lokalität). Marco überreicht mir seine Notizen und Tipps für den Erwerb der admision permanente und cedula, was mich sehr freut. Danach schleppt er mich durch ein paar Bars, bei denen wir mit steigender Anzahl weniger Gläser trinken, aber auch weniger Klarheit erhalten. Halb sechs am Morgen ist die Nacht zu Ende und eine Stunde später sitze ich verschwitzt, betrunken und mit dem Nötigsten in meiner Hosentasche im Bus. Ich hatte am Vortag mein Ticket nach Encarnacion gekauft, da ich nur noch zwei Tage Zeit hatte, das Land zu verlassen ohne noch größeren Ärger zu provozieren. Das Thermometer kletterte mit steigender Stunde und ich hänge knapp acht Stunden wie ein angeschlagener Boxer in meimem Sitz (und dem Versuch Schlaf zu finden). Encarnacion ist eine Grenzstadt zu Argentinien, die durch eine riesige Brücke über den Rio Paraguay nach Posadas führt. Also steige ich einen der Pendlerbusse und mache dem Busfahrer klar, dass er mich an der paraguayischen Grenze rauslassen muss! Dort überreiche ich dem Grenzbeamten meine leicht unterwürfig formulierten Zettel mit meinem Anliegen, zahle eine Strafe von 200.000 Guarani und erhalte nach einer knappen halben Stunde Stempel und Beleg. Wieder auf der Straße springe ich auf den nächsten Bus, der die Brücke nach Posadas überquert. Auf der anderen Seite: Die argentinischen Grenzer sind sehr streng und halten mich - ohne ersichtlichen Grund - über fünfzehn Minuten fest und zweifeln zuerst die Echtheit meines Passes an - wohl auch der fehlenden Logik meiner bisherigen Route in SA. Als ich endlich passieren kann, bin ich gespannt auf den ersten Eindruck dieses Landes.
Dieser ist zunächst eher gleichgültig, aber dann stelle ich das gehobene Niveau an Infrastuktur, Preisen und Auftreten der Bewohner fest. Das beste sind die fehlenden Mücken in den Abendstunden und der Nacht. Ich schleiche durch das sensationsarme Zentrum, freue mich auf Dusche und Bett in meiner Unterkunft. Am nächsten Tag begebe ich mich wieder auf den Rückweg, wobei ich fast zwei Stunden brauche, bin ich einen Bus finde, der nach Py zurückfährt. Das Grenzprozedere verlief diesmal etwas zeitsparender und nach zwei Stunden Wartezeit in Encarnacion sitze ich wieder im Bus Richtung capital. Um Mitternacht treffe ich ein und finde ein verspätetes Weihnachtsgeschenk an der Rezeption vor - Marco hat mir sein Wörterbuch hinterlegt, mit der Bemerkung: Du wirst es nötiger brauchen als ich. Ich bin gerührt und bitte niemand soll mich fragen, wieso ich ohne derartiges gestartet bin ... In den kommenden Tagen versuche ich auf die Mails zu antworten, meine Artikel fertig zu bekommen und weiter an meiner Immigration, meinem Spanisch und meiner (Über)lebensstrategie zu basteln.
| Blick nach Py |

